Wie jedes Jahr zu Weihnachten, stand dieses Jahr am 1. Weihnachtsfeiertag der Besuch bei meiner Mutter auf der Tagesordnung. Ich werde dort immer wieder an meine Kindheit erinnert und bin danach, wenn wir wieder zurück sind, jedes Mal aufgewühlt und teilweise nicht so recht ansprechbar. Meine Mutter wohnt jetzt alleine in meinem Geburtshaus, einem alten Fachwerkhaus mit Hof, Scheune und alten Stallungen, in dem früher bis zu 4 Generationen gelebt haben. Alles erinnert noch an die in früheren Zeiten dort und die von meinen Eltern und Großeltern ausgeführte Tätigkeit als Landwirte. Ich habe als Kind eher darunter gelitten und sehe einen Bauernhof aus ganz anderen Gesichtspunkten wie viele, die dabei an süße kleine Kälbchen, Ferkelchen, Pferde oder ähnliches denken.
Meine Schwester und ich mussten schon als Kinder viel mithelfen. Keiner sprach damals von Kinderarbeit. Und dann kam noch dazu, dass eine von uns den Bauernhof fortführen sollte. Meine Schwester hatte schon eher Interesse als ich. Sie hatte allerdings einen Sportunfall und konnte danach mit ihrem linken Arm bestimmte Tätigkeiten nicht mehr ausführen. Und ich wollte unter keinen Umständen einen Bauernhof führen. Es gab schwere Wortgefechte zwischen meinen Vorfahren und mir. Ich wollte mehrmals alles hinter mir lassen und einfach “abhauen”, wie man damals sagte, brachte es aber dann doch nicht fertig.
Das Problem löste sich dann irgendwann von alleine, als ein Bauernhof, der nicht ausbaufähig war, nicht mehr überleben konnte. Mein Vater musste bereits gepachtetes Land wieder abgeben und den Hof später nur noch zum Nebenerwerb betreiben, bis er dann zuletzt ganz aufhörte und das Land an andere größere Bauern verpachtete. Natürlich hatte er nichts anderes als den Beruf des Landwirts gelernt (und diesen beherrschte er) und arbeitete danach als Lagerarbeiter mit einem sehr kleinen Verdienst.
Es fehlte immer an Bargeld. Zum Essem hatten wir genug. Als es aber nur darum ging, eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen, was nur in der nächsten Stadt möglich gewesen wäre, fehlte es schon an den nötigen Mitteln. Auch hatte mein Vater nicht genügend Geld, um seine spätere Rente aufzubessern. Meine Mutter lebt heute sehr bescheiden und bringt es trotzdem noch fertig, allen ihren Kindern und Enkeln einen Umschlag mit einem Geldschein zu Weihnachten zu schenken. Auch für alle Urenkel (es sind mittlerweile 10) hat sie ein Geschenk.
Ich möchte in dieser Rubrik von Zeit zu Zeit einige Beiträge bringen über das Leben damals aus meiner Sicht. Es hat sich in der Zwischenzeit sehr viel geändert. Auch ich habe mich geändert und vieles von Damals vergessen, auch vergessen wollen. Eventuell findet sich der ein oder andere Leser, dem es ähnlich erging. Über Beiträge und Ergänzungen würde ich mich freuen.
Der Großmutter Weihnachtsabend
Großmutter lauscht dem Klang der Weihnachtsglocken
Und hat gedankenvoll ihr Haupt gebeugt,
Es fallen auf die Hand die greisen Locken,
In stiller Rührung wird die Wimper feucht.
Und horch, daneben tönt ein munt’res Lärmen,
Es stürmen ihre Enkel in den Raum
Und drängen jubelnd sich in frohen Schwärmen
Rings um den bunt geputzten Weihnachtsbaum.
In diesen Kindern sprießet frisches Leben
Und reift entgegen einer neuen Zeit,
Hier keimet Kraft, die einst ihr ganzes Streben
Der Menschheit ew’gen Freiheitskampfe weiht;
Für alles Große, Herrliche hienieden,
Wie streiten einst die Knaben stark und kühn,-
Und Herzensreinheit, Sitte, Liebe, Frieden,
Wird einst in diesen Mädchen weiter blühn.
Großmutter denkt der eignen Kinderzeiten,
Sie sieht im Elternhaus den Weihnachtsbaum,
Und bunte Bilder ihres Lebens gleiten
An ihrem Geist vorbei in wachem Traum:
Sie sieht sich glücklich an des Gatten Seite,
Im süßen Heim, das ihr die Lieb’ erbaut,
Und fröhlich spielen ihre Knaben beide
Am Weihnachtstisch mit hellem Jubellaut.
Die Eltern hin - der Gatte längst begraben,
Die Söhne tot, mit ihnen tot ihr Glück:
Doch nein, hier reifen ihrer Söhne Knaben,
Wohl reiches Leben ließen sie zurück:
“Mich beugt danieder schon der Jahre Winter,
“Euch blüht empor die goldne Frühlingszeit,
“Für euch die Zukunft, ihr geliebten Kinder,
“Doch mein, doch mein ist die Vergangenheit!”
Großmutter lauscht dem Weihnachtsglockenklange,
Ein seltsam Lächeln spielt um ihr Gesicht,
Sie ahnet wohl, es währet nicht mehr lange,
Bis dass das letzte Glöcklein spricht!
Es färbt ein leises Rot die welke Wange,
Die Hände betend sie gefaltet hält:
Großmutter hat im Weihnachtsglockenklange
Wohl einen Gruß gehört aus jener Welt!
Helene von Engelhardt 1850 - 1910
Meiner verehrungswürdigen Großmutter
Zu ihrem 72. Geburtstag
von Friedrich Hölderlin (1784-1843)
Vieles hast du erlebt, du teure Mutter! und ruhst nun
Glücklich, von Fernen und Nah’n liebend beim Namen genannt,
Mir auch herzlich geehrt in des Alters silberner Krone
Unter den Kindern, die dir reifen und wachsen und blühn.
Langes Leben hat dir die sanfte Seele gewonnen
Und die Hoffnung, die dich freundlich in Leiden geführt.
Denn zufrieden bist du und fromm, wie die Mutter, die einst den
Besten der Menschen, den Freund unserer Erde, gebar. -
Ach! sie wissen es nicht, wie der Hohe wandelt’ im Volke,
Und vergessen ist fast, was der Lebendige war.
Wenige kennen ihn doch und oft erscheinet erheiternd
Mitten in stürmischer Zeit ihnen das himmlische Bild.
Allversöhnend und still mit den armen Sterblichen ging er,
Dieser einzige Mann, göttlich im Geiste, dahin.
Keines der Lebenden war aus seiner Seele geschlossen
Und die Leiden der Welt trug er an liebender Brust.
Mit dem Tode befreundet’ er sich, im Namen der andern
Ging er aus Schmerzen und Müh’ siegend zum Vater zurück.
Und du kennest ihn auch, du teure Mutter! und wandelst
Glaubend und duldend und still ihm, dem Erhabenen, nach.
Sieh! es haben mich selbst verjüngt die kindlichen Worte,
Und es rinnen, wie einst, Tränen vom Auge mir noch;
Und ich denke zurück an längst vergangene Tage,
Und die Heimat erfreut wieder mein einsam Gemüt,
Und das Haus, wo ich einst bei deinen Segnungen aufwuchs,
Wo, von Liebe genährt, schneller der Knabe gedieh.
Ach! wie dacht’ ich dann oft, du solltest meiner dich freuen,
Wann ich ferne mich sah wirkend in offener Welt.
Manches hab’ ich versucht und geträumt und habe die Brust mir
Wund gerungen indes, aber ihr heilet sie mir,
O ihr Lieben! und lange, wie du, o Mutter! zu leben
Will ich lernen; es ist ruhig das Alter und fromm.
Kommen will ich zu dir; dann segne den Enkel noch Einmal,
Daß dir halte der Mann, was er, als Knabe, gelobt.
Weihnachtsfreude
Der Winter ist gekommen
Und hat hinweg genommen
Der Erde grünes Kleid;
Schnee liegt auf Blütenkeimen,
Kein Blatt ist an den Bäumen,
Erstarrt die Flüsse weit und breit.
Da schallen plötzlich Klänge
Und frohe Festgesänge
Hell durch die Winternacht;
In Hütten und Palästen
Ist rings in grünen Ästen
Ein bunter Frühling aufgewacht.
Wie gern doch säh’ ich glänzen
Mit all den reichen Kränzen
Den grünen Weihnachtsbaum!
Dazu der Kindlein Mienen
Von Licht und Luft beschienen;
Wohl schönre Freude gibt es kaum.
Da denk’ ich jener Stunde,
Als in des Feldes Runde
Die Hirten sind erwacht,
Geweckt vom Glanzgefunkel,
Das durch der Bäume Dunkel
Ein Engel mit herab gebracht.
Und wie sie da noch oben
Den Blick erschrocken hoben
Und sah’n den Engel stehn,
Da staunten sie wohl alle,
Wie wenn zum ersten Male
Die Kindlein einen Christbaum sehn.
Ist groß schon das Entzücken
Der Kinder, die erblicken,
Was ihnen ward beschert:
Wie haben erst die Kunde
Dort aus des Engels Munde
Die frommen Hirten angehört!
Und rings ob allen Bäumen
Sang in den Himmelsräumen
Der frohen Engel Schar:
„Gott in der Höh’ soll werden
Die Ehre, und auf Erden
Den Menschen Frieden immerdar.“
Drum pflanzet grüne Äste
Und schmücket sie aufs beste
Mit frommer Liebe Hand,
Dass sie ein Abbild werden
Der Liebe, die zur Erden
Solch großes Heil uns hat gesandt.
Robert Reinick 1805 - 1852
Dieses Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe hat ganz gewiss nichts mit Alter, Ruhestand, Unruhestand oder ähnlichem zu tun. Ich bringe es aber trotzdem hier, weil es mir besonders gut gefällt. Es zeigt unter anderem die Vielseitigkeit dieses bekannten Deutschen Dichters und den teilweise auch bissigen Humor.
Johann Wolfgang von Goethe (1766-1832)
Da hatt ich einen Kerl zu Gast,
Er war mir eben nicht zur Last;
Ich hatt just mein gewöhnlich Essen,
Hat sich der Kerl pumpsatt gefressen,
Zum Nachtisch, was ich gespeichert hatt’.
Und kaum ist mir der Kerl so satt,
Tut ihn der Teufel zum Nachbar führen,
Über mein Essen zu räsonieren:
“Die Supp hätt können gewürzter sein,
Der Braten brauner, firner der Wein.”
Der Tausendsakerment!
Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent.
Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
Aber als Knecht Ruprecht schon
Kommt der Winter hergeschritten,
Und alsbald aus Schnees Mitten
Klingt des Schlittenglöckleins Ton.
Und was jüngst noch, fern und nah,
Bunt auf uns herniedersah,
Weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
Und das Jahr geht auf die Neige,
Und das schönste Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn,
Heute bist du uns noch fern,
Aber Tannen, Engel, Fahnen
Lassen uns den Tag schon ahnen,
Und wir sehen schon den Stern.
Theodor Fontane
Hundert Briefe sind angekommen
ich war vor Freude wie benommen,
nur etwas verwundert über die Namen
und über die Plätze woher sie kamen.
Ich dachte, von Eitelkeit eingesungen:
Du bist der Mann der “Wanderungen”,
du bist der Mann der märk’schen Geschichte,
du bist der Mann der märk’schen Gedichte,
du bist der Mann des Alten Fritzen
und derer die mit ihm bei Tafel sitzen,
einige plaudernd, andere stumm,
erst in Sanssouci, dann in Elysium;
du bist der Mann der Jagow und Lochow,
der Stechow und Bredow, der Quitzow und Rochow,
du kanntest keine größere Meriten
als die von Schwerin und vom alten Zieten,
du fandst in der Welt nichts so zu rühmen
als Oppen und Groeben und Kracht und Thümen,
an der Schlachten und meiner Begeisterung Spitze
marschieren die Pfuels und Itzenplitze,
marschierten aus Uckermark, Havelland, Barnim
die Ribbecks und Kattes, die Bülow und Arnim,
marschierten die Treskows und Schlieffen und Schlieben,
und über alle hab‘ ich geschrieben.
Aber die zum Jubeltag da kamen,
das waren doch sehr andre Namen.
Auch “sans peur et reproche”, ohne Furcht und Tadel,
aber fast schon von prähistorischem Adel:
Die auf “berg” und auf “heim” sind gar nicht zu fassen,
sie stürmen ein in ganzen Massen,
Meyers kommen in Bataillonen,
auch Pollacks und die noch östlicher wohnen,
Abram, Isak, Israel,
alle Patriarchen sind zur Stell‘,
stellen mich freundlich an ihre Spitze,
was sollen mir da noch die Itzenplitze!
Jedem bin ich was gewesen,
alle haben sie mich gelesen,
alle kannten mich lange schon,
und das ist die Hauptsache — “Kommen Sie, Cohn!”
Theodor Fontane
Wie wird nun alles so stille wieder!
So war mir’s oft in der Kinderzeit,
Die Bäche gehen rauschend nieder
Durch die dämmernde Einsamkeit,
Kaum noch hört man einen Hirten singen,
Aus allen Dörfern, Schluchten, weit
Die Abendglocken herüberklingen,
Versunken nun mit Lust und Leid
Die Täler, die noch einmal blitzen,
Nur hinter dem stillen Walde weit
Noch Abendröte an den Bergesspitzen,
Wie Morgenrot der Ewigkeit.
Joseph von Eichendorff (1841)
Ferdinand von Saar (1833-1906)
Das aber ist des Alters Schöne,
Dass es die Saiten reiner stimmt,
Dass es der Lust die grellen Töne,
Dem Schmerz den herbsten Stachel nimmt.
Ermessen lässt sich und verstehen
Die eig’ne mit der fremden Schuld,
Und wie auch rings die Dinge gehen,
Du lernst dich fassen in Geduld.
Die Ruhe kommt erfüllten Strebens,
Es schwindet des verfehlten Pein -
Und also wird der Rest des Lebens
Ein sanftes Rückerinnern sein.
Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Alter, tanze, trotz den Jahren!
Welche Freude, wenn es heißt:
Alter, du bist alt an Haaren,
Blühend aber ist dein Geist!
(aus “Die 47. Ode Anakreons”)